Die Totenbücher









Was sind die Totenbücher?

Die Grundlagen der Totenbücher (TB) sind im Jenseitsglauben der Ägypter begründet; sie sind eine lose Sammlung von Beschwörungen und Zaubersprüchen, in der Regel bebildert, die dem Toten mit ins Grab gegeben wurden. Zweck dieser TB war es, den Toten vor Gefahren zu schützen, welche ihn im Jenseits gegenüber traten und ihnen die Fähigkeit zu verleihen, sich beliebig in irgendwelche mächtige Wesen zu verwandeln, welche das Totenreich bevölkerten. Die TB sollten sie auch mit Losungsworten versehen, welche ihnen die Unterweltspforten öffneten und ihnen zusammen mit den Göttern das Passieren ermöglichten, damit sie am Schluß der Reise ein den Göttern Gleichgestellter, ein "Gerechtfertigter" werden würden und dem Totengott Osiris gleichgestellt würden. Dazu bedurfte es vieler Antworten auf viele Fragen und wer die Fragen nicht beantworten konnte, hatte das Ziel verfehlt und konnte nicht gerechtfertigt werden. Und da Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist: was lag näher als sich alle Fragen und die dazu erforderlichen Antworten rechtzeitig aufzuschreiben und sie auf die Reise in die Ewigkeit mitzunehmen? Also wurde der zu führende Dialog zu Papier - nein, zu Papyrus - gebracht und dem Toten mitgegeben.

Diese TB gab es in verschiedenen "Qualitäten" - nach Preis, nach Wahl. Das Totenbuch des Ani, ein königlicher Schreiber in Theben, hat die Länge von 24 Metern bei einer Breite von 30 bis 40 cm! Das Totenbuch des Hunefer, er war Palastaufseher unter Sethos I. (19. Dynastie), mißt statt dessen "nur" 5,50 Meter in der Länge.

Was beinhalten die Totenbücher?

Es würde sicherlich zu weit führen, den Inhalt dieser Totenbücher im Detail zu beschreiben; ein Abschnitt - ein Spruch - sollte jedoch dargestellt werden aus der Sammlung "r.w n.w p.rt m hrw" - ausgesprochen "rau nu peret em heru", was auf deutsch "Sprüche für das Herausgehen bei Tage" heißt. Es ist dies der Spruch 125, zu sprechen vor dem Totengericht in der Halle der Vollständigen Wahrheit.

Was zeigt dieser Ausschnitt aus dem Totenbuchspruch? In der oberen Reihe kniet der Verstorbene Ani vor den 42 Richtern in der Halle der Vollständigen Wahrheit, um sich zu rechtfertigen. Diese 42 Richter sind die Gaugottheiten der 42 Gaue von Ober- und Unterägypten. Das untere größere Bild zeigt Ani zusammen mit dem Schakalgott Anubis Hand in Hand vor der Waage, das Wägeritual beobachtend. In der linken Wagschale befindet sich das Herz des Ani, in der rechten Wagschale die Feder der Wahrheit. Auf dem Waagebalken sitzt die mit der Doppelfeder-Krone gekennzeichnete Gottheit der Wahrheit, Maat; Anubis kniet vor der Waage, um den Ausschlag zu beobachten. Auf der rechten Seite der Waage wartet der "Große Fresser", eine Gottheit mit Nilpferdrumpf und Krokodilkopf, auf die Entscheidung des Gottes Thot, der am rechten Bildrand steht und das Ergebnis der Wägung protokolliert. Neigt sich die Waage auf die Seite von Ani's Herz, ist es also schwerer als eine Feder, wird sein Herz vom Großen Fresser verschlungen und er fällt der Verdammnis anheim. Die vom Toten zu sagenden Worte sind oberhalb des Bildes vorgegeben, der Tote kann sie also ablesen.

Der Text des Spruches 125 lautet: (Auslassungen sind gekennzeichnet)

(Begrüßung des Gottes Osiris)

Gruß dir, du Größter Gott/ Herr der Vollständigen Wahrheit!
Ich bin zu dir gekommen, mein Herr,
ich bin geholt worden, um deine Vollkommenheit zu schauen.
Ich kenne dich, und ich kenne deinen Namen, ich kenne die Namen dieser 42 Götter, die mit dir sind in dieser Halle der Vollständigen Wahrheit, die von denen leben, die zum Bösen gehören, und sich von ihrem Blut nähren an jenem Tag, an dem Rechenschaft abgelegt wird vor Osiris.

(Es folgt eine Aufzählung dessen, was der Verstorbene nicht getan hat)

(. . .)
Ich habe kein Unrecht gegen Menschen begangen, und ich habe keine Tiere mißhandelt. Ich habe nichts »Krummes« an Stelle von Recht getan.
(. . .)
Ich habe keinen Gott beleidigt.
Ich habe kein Waisenkind um sein Eigentum gebracht.
Ich habe nicht getan, was die Götter verabscheuen.
Ich habe keinen Diener bei seinem Vorgesetzten verleumdet.
Ich habe nicht Schmerz zugefügt, und ich habe niemanden hungern lassen, ich habe keine Tränen verursacht. Ich habe nicht getötet, und ich habe (auch) nicht zu töten befohlen; niemandem habe ich ein Leid angetan.
Ich habe die Opferspeisen in den Tempeln nicht vermindert
und die Götterbrote nicht angetastet;
ich habe die Opferkuchen der Verklärten nicht fortgenommen.
(. . .)

(Es folgt die Anrufung der 42 Totenrichter)

O Weitausschreitender, der aus Heliopolis hervorgeht: ich habe kein Unrecht getan.
O du, der die Flamme umarmt, der aus Cberaba hervorgeht: ich habe nicht gestohlen.
O du mit dem Schnabel (THOT als Ibis), der aus Hermopolis hervorgeht: ich war nicht habgierig.
O Schattenverschlinger, der aus der Grube hervorgeht: ich habe mir nichts angeeignet.
O Schreckgesicht, der aus Rasetjau hervorgeht: ich habe keine Menschen umgebracht.
O Löwenpaar (RUTI), das aus dem Himmel hervorgeht: ich habe das Hohlmaß nicht verletzt.
O du, dessen Augen Messer (Var.: Feuer) sind, der aus Letopolis hervorgeht: ich habe nichts "Krummes" getan.
O Brennender, der umgedreht hervorgeht: ich habe mir keinen Tempelbesitz angeeignet.
O Knochenzerbrecher, der aus Herakleopolis hervorgeht: ich habe keine Lüge gesagt.
O Flammenreicher, der aus Memphis hervorgeht: ich habe keine Nahrung gestohlen.
(. . .)
O Wamz-mti-Schlange, die aus der Schlachtstätte hervorgeht: ich habe nicht die Frau eines (anderen) Mannes beschlafen.
O du, der schaut, was er gebracht hat, der aus dem Tempel des MIN hervorgeht: ich habe keine Unzucht getrieben.
O Höchster der Ältesten, der aus Imau hervorgeht: ich habe keinen Schrecken erregt.
O Umstürzender, der aus Xois hervorgeht: ich habe keinen Schaden gestiftet.
O du mit gewaltiger Stimme, der aus dem Heiligtum hervorgeht: ich bin nicht hitzig gewesen.
O Kind, das aus dem Heka-anedj-Gau hervorgeht: ich bin nicht taub gegen gerechte Rede gewesen.
O du mit verkündender Stimme, der aus Wensi hervorgeht: ich habe keinen Streit entfacht.
O Basti, der aus der Schetit hervorgeht: ich habe nicht (einem anderen) zugeblinzelt.
O Hintersichschauer, der aus der verschlossenen Grube hervorgeht: ich habe nicht gleichgeschlechtlich verkehrt
(. . .)
O du, der den Leuten befielt, der aus seinem Schrein hervorgeht: ich habe keinen Gott beleidigt
O Neheb-Nefret, der aus seinem Tempel hervorgeht: ich habe mich nicht aufgeblasen.
O Nehebkau, der aus seiner Grube (Var.: Stadt) hervorgeht: ich habe mich nicht über meinen Stand erhoben.
O hochgereckte Schlange, die aus ihrer Kapelle (Var.: Grube) hervorgeht: meine Ansprüche gingen nicht über das hinaus, was ich besaß.
O du, dessen Arm herbeiholt, der aus dem Totenreich hervorgeht: ich habe meinem Stadtgott keine Schande bereitet.


(Schlußrede, zu sprechen vom Verstorbenen)
Seid gegrüßt, ihr Götter!
Ich kenne euch, ich kenne eure Namen.
Ich soll nicht eurem Gemetzel verfallen,
und ihr sollt das Schlechte an mir nicht aufsteigen lassen zu diesem Gott, in dessen Gefolge ihr seid.
Meine Verfehlung wird nicht vor euch kommen,
und ihr sollt Recht über mich sprechen vor dem Allherrn. Denn ich habe im Diesseits das Recht geübt, ich habe keinen Gott beleidigt, und kein Vergehen von mir gelangte vor den regierenden König.
Seid gegrüßt, o Götter, die in dieser Halle der Vollständigen - Wahrheit sind, in deren Leib keine Lüge ist,
(sondern) die von Wahrheit leben in Heliopolis,
(. . .)


Eine auch für den interessierten Laien verständliche Fassung der aus dem Ägyptischen übertragenen Totenbücher findet sich u.a. bei E. Hornung; sie liegt als preiswerte Taschenbuch-Ausgabe vor.

Literatur:
A. Eggebrecht, Suche nach Unsterblichkeit, Phil.v.Zabern (Mainz)
E. Hornung, Das Totenbuch der Ägypter , Artemis & Winkler (Düsseldorf)
E. Rossiter, Die Ägyptischen Totenbücher, Minerva (Genf)
R.O. Faulkner, The Ancient Egyptian book of the dead, British Museum Press (London)

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