Altägyptische Papyri
am Beispiel des

Papyrus Westcar




Die Ägypter mußten bei der Größe ihres Reiches eine funktionierende Verwaltung haben, um das Gebilde nach heutigem Verständnis "managen" zu können. Die Verwaltungsanweisungen wurden auf Papyrus (pl. Papyri) erstellt, gerollt und mit einem Siegelband versehen durch Boten zugestellt. Natürlich konnte man dieses Medium auch für andere Zwecke nutzen und so wurden auch medizinische Erkenntnisse (p. Ebers, p. Smith), mathematische Aufgaben (p. Rhind) oder eben nur ein Märchen wie im p. Westcar für die Nachwelt festgehalten.


Herstellung von Papyrus

Papyrus Westcar: sein Inhalt

Papyrus Westcar: Das hieratische Original

Papyrus Westcar: die Hieroglyphen-Version




Herstellung von Papyrus


Das entrindete Stengelmark der Papyrusstaude wurde in dünne Streifen geschnitten, zu zwei Schichten so übereinandergepreßt, daß die Markfibern beider senkrecht übereinander verliefen. Durch den stärkehaltigen Zellsaft entstanden fest verklebte Doppelschichten, die egalisiert, getrocknet und poliert, in beliebiger Zahl aneinander geleimt werden konnten. Sie wurden in langen Bahnen gerollt oder als Blätter (Folio) in verschiedenen Qualitäten von feinst bis grob hergestellt. Die ursprünglich elfenbeinerne Farbe des Papyrus wandelte sich im Alter und bei ungeeigneter Lagerung zu gelblichen bis braunen Tönen. Beschrieben wurden die Papyri mit schwarzer Tinte aus einer Aufschlämmung von Lampenruß in Wasser oder mit roter Tinte, welche durch Aufschlämmen von feingemahlenem Zinnober (sehr giftig) in Wasser hergestellt wurde. Geschrieben wurde mit einer Schreibbinse, das Schreibzeug eines Schreibers umfaßte eine Palette mit zwei Vertiefungen zum Anrühren der Farben (rot und schwarz), einem Lederbeutel mit Napf für das zum Anrühren erforderliche Wasser und einem Satz Schreibbinsen.
Die Papyri wurden in hieratischer Schrift erstellt, sie war sozusagen die Umgangsschrift (Kanzleischrift) des ägyptischen Reiches und als vereinfachte Form aus den Hieroglyphen entstanden. Die Schriftrichtung war von rechts nach links laufend. Da diese Schrift den Ägyptologiestudenten heutiger Tage noch nicht zugänglich ist - sie lernen sie erst später - wurden die gefundenen Papyri in die Heilige Zeichen (Hieroglyphen) zum besseren Verständnis übersetzt. Das heißt, neben dem Original in hieratisch gibt es zum Papyrus eine in Hieroglyphen übersetzte Fassung, welche die Grundlage der heutigen Forschung und Ausbildung darstellt.
Natürlich wurde neben den Verwaltungsanweisungen auch die allgemeine Geschäftskorrespondenz auf diese Art geführt. Schreiber und Schriftkundige waren hoch angesehen im alten Ägypten, stellten sie doch einen Teil der Intelligenzelite ( 5 %) des Volkes dar. Zum Üben ihrer Fertigkeiten lernten sie in ihrer Ausbildung auch das Niederschreiben von Trivialtexten wie z.B. Märchen. Der Papyrus Westcar ist ein beredtes Beispiel hierfür.


    

Papyrus Westcar: sein Inhalt


Der Papyrus ist nur teilweise erhalten, sein Anfang fehlt und ebenso der Schlußteil, zwischendurch ist er an vielen Stellen beschädigt. Dennoch ist er eine klassische Lektüre im Studium der Ägyptologie; sein Inhalt ist vergleichbar mit einer deutschen Sage, vielleicht die ägyptische Variante des Nibelungenliedes, angereichert mit allerlei Mystik, wozu die Ägypter sowieso gern neigten.
Die im Papyrus Westcar beschriebene Handlung spielt am Ende der 4. Dynastie unter König Cheops (Chefru), der sich von seinen vier Söhnen in einem Erzählerwettbewerb unterhalten läßt. Und jeder der Vier gibt sein Bestes, um den Vater zu beeindrucken.
Die vorliegende Fassung der Geschichte legt nahe, daß sie in der 12. Dynastie entstanden ist. Aufgeschrieben wurde diese Geschichte sehr viel später, wahrscheinlich während der 17. Dynastie, wie die Verwendung der Demonstrativpronomen "pA" (jener), "tA" (jene) und "nA" als Artikel (der, die) vermuten läßt.
Ein Teil dieser Erzählung findet sich als die Geschichte der Ruddedet auf dieser homepage.


    

Papyrus Westcar: Das hieratische Original


p.west p.4

Die nebenstehende Kopie einer Seite des Papyrus zeigt die zum Teil massiven Schäden des Papyrus, welche natürlich zu Textverlusten führen. Wie schon erwähnt, wurden die Zeilen des Papyrus von rechts nach links geschrieben, er beginnt mit der Seite IV, die vorausgehenden Seiten sind nicht ausreichend sicher zu interpretieren.

Als ein Beispiel der Umsetzung von hieratischen Zeichen in Hieroglyphen sind nachfolgend ein hieratisch geschriebener Satzteil sowie seine Umschreibung in Hieroglyphen dargestellt.







    

Papyrus Westcar: die Hieroglyphen-Version


Der hier abgebildete Textauszug des p. Westcar stammt von Blatt VI und beginnt mit Zeile 22; entsprechend dem in der Ägyptologie üblichen Standard sind die Zeichen von links nach rechts angeordnet, wie wir sie aus dem europäischen Sprachraum gewohnt sind. Die querschraffierten Teile zeigen Auslassungen im Text, hier ist die Vorlage unlesbar geworden. Die Länge des schraffierten Bereichs läßt näherungsweise die Ermittelung der Anzahl der verlorengegangenen Zeichen zu.


Für alle diejenigen, welche ein gewisses Grundwissen in der mittelägyptischen Sprache haben, findet sich der komplette Text des p. Westcar auf der homepage der Universität Utrecht sowohl als Faksimile in Hieratisch als auch in der übertragenen Form in Hieroglyphen und ein vollständiger Vorschlag einer Translitration der Texte von Geoffrey Graham.

    



Foto: Petra Fuchs


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