Die Geschichte des Schiffbrüchigen.



Der Hintergrund der Geschichte: Ein Fürst kehrt von einem königlichen Auftrag aus Nubien wenig erfolgreich zurück und macht sich Sorge, wie sein Auftraggeber, der König das gescheiterte Unternehmen bewerten wird. Ein königlicher "Gefolgsmann" (ein Hoftitel im alten Ägypten wie bei uns zu k.u.k-Zeiten der "Hofrat") versucht den Fürsten Mut zu machen und empfiehlt ihm ein sicheres Auftreten. Um seine Ermutigung zu bekräftigen, erzählt er ihm ein entsprechendes eigenes Erlebnis: die "Geschichte des Schiffbrüchigen".


Da sagte der treffliche Gefolgsmann:
»Freu dich, o Fürst,
siehe, wir haben die Heimat erreicht.
Ergriffen ward der Schlegel, eingeschlagen der Landepflock, das Bugtau ist auf das Land gelegt. Man zollt Lobpreis, man dankt Gott, ein jeder umarmt seinen Gefährten.
Denn unsere Mannschaft ist heil zurückgekommen, es gab keinen Verlust bei unserer Truppe.
Wir haben das Ende von Nubien erreicht, wir haben die Insel Bigga passiert.
Sieh, wir sind glücklich zurückgekehrt, unser Land, wir haben es erreicht.

Hör doch auf mich, o Fürst, ich bin frei von Übertreibung:
Wasche dich, gieß Wasser auf deine Finger; gib Antwort auf das, was man dich fragt.
Rede zum König mit gefaßtem Herzen, antworte ohne Gestammel.

Denn der Mund des Menschen, er vermag, ihn zu retten, seine Rede, sie bringt ihm Nachsicht ein.
Doch handle, wie du magst, es ermüdet, dir zuzureden.

Ich will dir lieber etwas Ähnliches erzählen, etwas, das mir selbst zugestoßen ist:

Ich war zu den Minen des Königs ausgezogen und war in See gestochen in einem Schiff. Es hatte 120 Ellen Länge (6o m) und 40 Ellen Breite (20 m), 120 Matrosen waren darin von der Elite Ägyptens. Sie beobachteten den Himmel, sie beobachteten das Land, und ihr Herz war unerschrockener als das von Löwen.

Da kündeten sie einen Sturm an, noch ehe er aufgekommen war, und ein Unwetter, ehe es losgebrochen war. Der Sturm war da, als wir noch auf See waren, bevor wir Land erreichen konnten.
Als wir noch segelten, verdoppelte sich der Wind und peitschte eine Woge hoch von acht Ellen.

Es war ein Stück Holz, das sie mir zugespült hat, das Schiff aber ging unter.
Keiner der Besatzung blieb übrig, einzig ich ward von einer Meereswelle auf eine Insel geworfen.
Ich verbrachte dort drei Tage allein, nur mit meinem Herzen als Gefährten.
Ich schlief im Versteck eines Baumes und suchte (bei Tag) den Schatten auf.
Dann machte ich mich auf meine Beine, um nach etwas zu fahnden, was ich in meinen Mund stecken könnte.

Ich fand Feigen dort und Weintrauben und allerlei Arten von Lauch, Sykomoren, gekerbt und ungekerbt, und Gurken, als wären sie angepflanzt.
Auch Fische gab's und Vögel, kurz, es gibt nichts, was es auf ihr nicht gegeben hätte.
Ich aß mich satt und warf noch weg, weil ich zuviel in meinen Armen hatte.
Dann schnitt ich einen Feuerbohrer, schlug Feuer und brachte ein Brandopfer für die Götter dar.

Da hörte ich ein Donnergeräusch und dachte: »Es ist eine Woge des Meeres.«
Bäume krachten, der Erdboden bebte.
Ich enthüllte mein Gesicht und erkannte es:
es war eine Schlange (ein Schlangengott), die herankam. Er maß 30 Ellen, sein Bart, er war mehr als zwei Ellen lang. Sein Leib war mit Gold überzogen, seine Augenbrauen aus echtem Lapislazuli ...

Er öffnete seinen Mund zu mir hin, während ich vor ihm auf dem Bauche lag.
Er sagte zu mir:
»Wer hat dich gebracht, wer hat dich gebracht, Bürschlein, wer hat dich (hierher)gebracht?
Wenn du zögerst, mir den zu nennen, der dich zu dieser Insel gebracht hat, werde ich machen, daß du dich als Asche wiederfindest, geworden zu etwas, das man nicht sehen kann.«

(Ich antwortete:)
»Du sprichst zwar zu mir, aber ich kann es nicht hören. Ich bin zwar vor dir, aber ich kenne mich selbst nicht mehr.«
Da nahm er mich ins Maul, er schleppte mich zu seinem Wohnplatz. Er legte mich dort ab, unversehrt, ich war heil, nichts von mir war abgebissen.

Er öffnete seinen Mund zu mir hin, während ich vor ihm auf dem Bauche lag. Dann sprach er zu mir:
»Wer hat dich gebracht, wer hat dich gebracht? Bürschlein, wer hat dich gebracht, Zu dieser Insel des Meeres, die mitten im Wasser liegt?«

Da beantwortete ich es ihm, meine Arme respektvoll vor ihm gebeugt.
Ich sagte zu ihm:
»Es war so: Ich war ausgezogen zu den Minen im Auftrag des Königs, (und war in See gestochen in einem Schiff.) Es hatte 120 Ellen Länge und 40 Ellen Breite, 120 Matrosen waren darin von der Elite Ägyptens. Sie beobachteten den Himmel, sie beobachteten das Land, und ihr Herz war unerschrockener als das von Löwen.

Da kündeten sie einen Sturm an, noch ehe er aufgekommen war, und ein Unwetter, ehe es losgebrochen war. Jeder von ihnen war mutiger und stärker als sein Kamerad. Es gab keinen Tölpel unter ihnen.
Der Sturm war da, als wir noch auf See waren, bevor wir Land erreichen konnten.
Als wir noch segelten, verdoppelte sich der Wind und peitschte eine Woge hoch von acht Ellen.
Es war ein Stück Holz, das sie mir zugespült hat.

Das Schiff aber ging unten
Keiner von der Besatzung blieb übrig außer mir, und so bin ich jetzt bei dir.
Ich wurde auf diese Insel gebracht durch eine Welle des Meeres.«

Dann sagte er zu mir:
»Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, Bürschlein, dein Gesicht braucht nicht zu erbleichen, denn du bist ja zu mir gekommen.
Sieh, es war ein Gott, der dich hat leben lassen, er hat dich gebracht zu diesem Eiland der Paradiesesfülle.
Es gibt nichts, was es auf ihm nicht gäbe, es ist voll von allen guten Dingen.
Nun, du wirst Monat auf Monat verbringen, bis du vier Monate auf dieser Insel zugebracht hast.
Dann wird ein Schiff aus der Heimat kommen, Matrosen sind darin, die du kennst.
Du wirst heimwärts fahren mit ihnen, und darfst sterben in deiner Stadt.«

Wie freut sich einer, der erzählt, was er durchgemacht hat, wenn erst die Pein vorüber ist!
Jetzt will ich dir etwas Entsprechendes erzählen, was auf dieser Insel geschah:
Ich war auf ihr mit meiner Sippe, darunter waren Kinder;
Alle zusammen waren wir 75 Schlangen, meine Kinder und meine Sippe.
Nicht erwähne ich dir eine kleine Tochter, die mir auf ein Gebet hin geschenkt worden war.

Da fiel ein Stern (vom Himmel)
und sie alle gingen durch ihn in Flammen auf!
Es traf sich aber, daß ich nicht unter den Verbrannten war, denn ich war gerade nicht bei ihnen.

Doch ich war wie gestorben um ihretwillen, als ich sie als einen einzigen Leichenhaufen fand.

Wenn du tapfer bist und dein Herz bezwingst, dann wirst du deine Kinder wieder umarmen.
Du wirst deine Frau küssen und wirst dein Haus wiedersehen.
Es ist schöner als alles andere, wenn du die Heimat wieder erreichst; wenn du dort sein wirst inmitten deiner Sippe.

Da streckte ich mich auf meinen Bauch und berührte den Boden vor ihm.
Ich sagte zu ihm:
»Ich werde deinen Ruhm dem Herrscher künden und ihm deine Größe kundtun. Ich werde dir Ladanum bringen lassen, Hekenu-Öle, Parfum, Balsam, Weihrauch für die Tempel, womit man jeden Gott gnädig stimmt.
Ich werde erzählen, was mir widerfahren ist und was ich von deiner Macht gesehen habe.
Man (der König) wird Gott für dich preisen in der Residenz, vor der Beamtenschaft des ganzen Landes.

Ich werde Stiere für dich schlachten zu Brandopfer,
ich werde Gänsen den Hals abdrehen für dich.
Ich werde dir Schiffe zuführen lassen, beladen mit allen Schätzen Ägyptens,
wie man es tut für einen die Menschen liebenden Gott in einem fernen Lande, das die Menschen nicht kennen.«

Da lachte er über mich, (genauer) über das, was ich gesagt hatte und was für ihn so töricht war.

Und er sagte zu mir:
»Du bist keineswegs reich an Myrrhen und sonstiger Art von Weihrauch. Sondern ich bin der Herrscher von Punt, und die Myrrhen gehören mir. Jenes Hekenu-Öl, das du mir zu bringen versprachst, das ist ja der Reichtum dieser Insel.
außerdem wirst du, wenn du diesen Ort verlassen hast, dieses Eiland niemals wiedersehen, denn es wird zu Wasser werden.«

Dann kam jenes Schiff, wie er es vorhergesagt hatte.
Ich machte mich auf und stieg auf einen hohen Baum, und ich erkannte die, welche an Bord waren.
Dann wandte ich mich, es ihm zu melden, fand aber, daß er es schon wußte.
Da sagte er zu mir:
»Komm gesund, komm gesund nach Hause, Bürschlein, auf daß du deine Kinder wiedersehest.
Mach mir einen guten Namen in deiner Stadt: Sieh, das ist es, was ich mir wünsche von dir.«

Da warf ich mich vor ihm auf den Bauch, meine Arme respektvoll vor ihm gebeugt.
Er gab mir eine Ladung voll Myrrhen, Hekenu-Öle, Parfum und Balsam, Tischepses-Gewürz, Duftessenz und Augenschminke, Giraffenschwänze, große Klumpen von Weihrauch und Elefantenzähne, Windhunde, Meerkatzen, Paviane und alle Arten kostbarer Dinge.

Ich lud alles in das Schiff,
und ich warf mich auf den Bauch, um ihm zu danken.

Da sagte er zu mir:
»Sieh, in zwei Monaten wirst du die Heimat erreichen, du wirst deine Kinder umarmen und dich in deinem Grabe verjüngen.«
Darauf ging ich zum Ufer hinab in die Nähe des Schiffes und rief der Mannschaft zu, die auf dem Schiffe war.
Am Ufer stimmte ich den Dankhymnus an für den Herrn dieser Insel, und die im Schiffe waren, taten desgleichen.

Nun fuhren wir nordwärts, zur Residenz des Herrschers.
Wir erreichten die Residenz nach zwei Monaten, alles genau so, wie er es gesagt hatte.
Dann trat ich ein (in den Palast) vor den Herrscher, und ich überreichte ihm die Gaben, welche ich von der Insel mitgebracht hatte.
Da dankte er mir vor der Beamtenschaft des ganzen Landes; er machte mich zum Gefolgsmann und belehnte mich mit 200 Hörigen.
Stell dir mich vor, nachdem ich das Land erreicht hatte, und dann zurückblickte auf das, was ich durchgemacht hatte.
Höre auf mich! Hören ist gut für die Menschen.«

Er aber (der Fürst) erwiderte nur:
»Mach dir nicht zuviel Mühe, mein Freund. Wer gibt einer Gans noch Wasser vor Sonnenaufgang, wenn sie am Morgen geschlachtet werden soll?«

Copyright: E.Brunner-Traut, Verlag Diederichs






Soweit dieses 4000 Jahre alte Märchen; bemerkenswert ist sicher auch die im Schlußsatz des Fürsten aufscheinende Erkenntnis. Einige zusätzliche Erklärungen sind an dieser Stelle vielleicht hilfsreich:

"Insel Bigga": Die Insel Bigga liegt im Gebiet des ersten Kataraktes, südlich von Assuan.
"vor ihm auf dem Bauche lag": dies beschreibt eine Proskinese- (Unterwürfigkeits-)geste, die im alten Ägypten gegenüber Herrschern und Göttern üblich war.
"Da fiel ein Stern (vom Himmel)": hier handelt es sich (vermutlich) um die Beschreibung eines Meteoriteneinschlags, ein Bote der in der Sternenwelt existierenden Götter.
"du darfst sterben in deiner Stadt": Ägypten war für die Ägypter das Vollendete, sie nannten ihr Land "km.t ta-mrj" = "Ägypten, geliebtes Land". In fremder Erde begraben sein barg für die Gefahr, nicht an der Wiedergeburt beteiligt zu sein, da die hierzu erforderlichen Totenopfer nicht gebracht wurden.
"Ladanum (Ibu-Öl), Hekenu-Öl, Tischpeses-Gewürz": Ladanum und Hekenu waren wertvolle Salb- und Opferöle, die in Ägypten dem Pharao (König) bzw den Göttern vorbehalten waren. Tischpeses wurde wie auch Weihrauch zu Rauchopfern für die Götter verwendet.
"dich in deinem Grabe verjüngen": »Verjüngen« bedeutet hier, nach dem Tode für das Jenseits wiedergeboren werden.
"Herrscher von Punt": das sagenumwobenen Land Punt lag nach heutigem Verständnis in Ostafrika, wahrscheinlich in Eritrea oder im Sudan. In diesem Land fanden sich zahlreiche exotische Produkte wie Gold, Edelsteine, Affen, Weihrauch, Elfenbein und Ebenholz, sodaß hiermit ein schwunghafter Handel getrieben wurde.     


Literatur:
E. Brunner-Traut, Alt-Ägyptische Märchen, Diederichs-Verlag [München]
E. Hornung, Altägyptische Dichtung, Reclam-Verlag [Stuttgart]


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