Die Geschichte der Ruddedet.

Einige Erklärungen zu dieser Geschichte: es handelt sich hierbei um einen Textauszug, Anfang und Ende des Textes fehlen. Am Hofe des Königs Cheops unterhalten die Prinzen ihren Vater mit schönen Geschichten. Nach den Prinzen Chefren und Baufre bringt Prinz Djedefhor den noch lebenden Zauberer Djedi an den Hof des Königs Cheops. Zielpunkt der langen und kunstvoll gestalteten Erzählung ist die übernatürliche Geburt der drei Königskinder. Die wunderbare Geburt der Drillinge bildet den historische Einschnitt zwischen den Pyramidenerbauern der 4. Dynastie und den Sonnenverehrern der 5. Dynastie, deren Heiligtümer bei Abusir, südlich Gise liegen.

Zu den Personen des Märchens:

Cheops 2. König (Pharao) in der 4. Dynastie
Djedefhor Sohn von Cheops, als Djedef-re 3. König in der 4. Dynastie
Rawoser Priester am Tempel des Re von Sachbu , Ehemann von Ruddedet
Ruddedet schwangere Ehefrau des Priesters Rawoser, ihr Name bedeutet "Festigkeit" (rwd) und "Dauer" (dd), die Hieroglyphen im Hintergrundbild stellen ihren Namen dar.
Userkaf 1. Sohn der Ruddedet, später 1. König der 5. Dynastie (User-kaf)
Sahure 2. Sohn der Ruddedet, später 2. König der 5. Dynastie (Sahu-re)
Keku 3. Sohn der Ruddedet, später 3. König der 5. Dynastie (Kakai)
Isis Göttin, die als "Zauberreiche" verehrt, die Kinder vor Schlangen, Raubtieren und anderen Gefahren beschützt, symbolische Mutter des Königs (Pharao)
Nephthys Göttin und Schwester von Isis, sie ist u.a. Schutzgöttin der Neugeborenen
Mesechnet die Göttin gilt als Wiegengöttin, welche noch im Leib der Mutter den Ka des Kindes bildet und bei der Geburt das Schicksal des Kindes verkündet.
Heket die froschköpfige Göttin gilt als Geburtshelferin und hilft bei der Bildung des Kindes im Mutterschoß und wacht als "Entbinderin" über die Geburt.
Chnum der Schöpfergott gestaltet den Leib des Kindes auf der Töpferscheibe und läßt ihn im Samen in den Leib der Mutter gelangen, sein Beiname ist "Bildner, der belebt"





Und nun die Geschichte der Ruddedet:



... König Cheops sagte darauf: »Und dann hat man mir noch gesagt, du kennest die Anzahl der Naoi(1) des Thoth-Heiligtums.« Djedi antwortete: »Mit Vergunst, ich kenne nicht ihre Anzahl, König, mein Herr, ich weiß nur den Ort, wo es (das Verzeichnis davon) ist.« Seine Majestät sagte: »Wo denn?« Dieser Djedi antwortete: »Es gibt in Heliopolis eine Steinkiste in einer Kammer, die "Archiv" heißt. In dieser Kiste ist es (das Verzeichnis).« (Seine Majestät sagte: »Bring es mir eilends her!«) Aber Djedi entgegnete: »König, mein Herr, nicht ich bin es, der es dir bringen kann.« Seine Majestät fragte: »Wer wird es mir denn bringen?« Djedi antwortete: »Das älteste der drei Kinder, die im Schoße von Ruddedet sind, das wird es dir bringen.« Da sagte Seine Majestät: »Das soll mir lieb sein! Aber was du da sagst - wer ist denn das, diese Ruddedet?« Djedi sagte: »Das ist die Frau eines Priesters des Re, des Herrn von Sachbu (im südlichen Delta), die mit drei Kindern des Re, des Herrn von Sachbu, schwanger ist. Und Re hat zu ihr gesagt, daß sie (die Kinder) das Hirtenamt (eines Königs) in diesem ganzen Lande ausüben sollen, und daß das älteste von ihnen Hoherpriester von Heliopolis sein wird.«

Darüber ward das Herz Seiner Majestät traurig. Aber Djedi sagte: »Was soll diese Stimmung, mein König? Ist es wegen der drei Kinder? Dazu kann ich sagen: Erst (folgt dir) dein Sohn, dann dessen Sohn, dann erst einer von ihnen.« Da fragte Seine Majestät: »Zu welcher Zeit wird Ruddedet niederkommen?« - »Am 15. Tag des ersten Wintermonats wird sie niederkommen.« Seine Majestät sagte darauf: »Das ist gerade dann, wenn die Sandbänke des Zwei-Fische-Kanals trocken liegen, sonst würde ich sie selbst überqueren und den Tempel des Re von Sachbu besuchen.« Djedi antwortete: »Dann werde ich einfach vier Ellen Wasser auf die Sandbänke des Zwei-Fische-Kanals steigen lassen.« Seine Majestät begab sich darauf in seinen Wohnpalast, und Seine Majestät sprach: »Man weise Djedi an, in das Haus des Prinzen Djedefhor (einzuziehen); er soll mit ihm zusammen wohnen. Man setze seinen Unterhalt fest auf tausend Brote, hundert Krug Bier, einen Ochsen und hundert Bund Gemüse.« Und man tat alles, was Seine Majestät befohlen hatte.

An einem dieser Tage begab es sich, daß Ruddedet Wehen spürte, und ihre Niederkunft war schwer. Da sprach die Majestät des Re von Sachbu zu Isis, Nephthys, der (Wiegengöttin) Mesechnet, der (Geburtshelferin) Heket und zu Chnum (dem Schöpfergott): »Bitte, macht euch auf und entbindet Ruddedet von den drei Kindern, die in ihrem Schoße, sind und welche dieses Hirtenamt in diesem ganzen Lande ausüben werden. Sie werden eure Tempel erbauen, werden eure Altäre versorgen, eure Speisetische reich halten und werden eure Opfer vermehren.«

Diese Gottheiten machten sich auf den Weg, nachdem sie sich in Tänzerinnen verwandelt hatten. Chnum begleitete sie und trug das Gepäck. So kamen sie zum Hause des Rawoser. Sie fanden ihn, wie er dastand in seinem verdrehten Schurz. Sie machten vor ihm die Gebärde ihrer Menits und Sistren.(2)

Er sagte zu ihnen: »Meine Damen, seht, es ist durch die Frau, die in den Wehen liegt und deren Niederkunft schwer ist.« Da sagten sie: »Laß sie uns sehen! Denn wir verstehen uns auf Geburtshilfe.« Er sagte zu ihnen: »Geht!« Und sie traten bei Ruddedet ein, und sie schlossen sich mit ihr in der Kammer ein.

Isis stellte sich vor sie, Nephthys hinter sie, und Heket beschleunigte die Geburt. Isis sprach: »Sei nicht stark in ihrem Schoße in diesem deinem Namen Userkaf.« (3) Da glitt das Kind auf ihre Arme, ein Knabe von einer Elle Länge (53 cm) und mit festen Knochen. Das Namensschild seiner Glieder (4) war aus Gold, sein Kopftuch aus echtem Lapislazuli. Sie wuschen ihn, nachdem seine Nabelschnur abgeschnitten und er auf ein Stoffpolster gelegt worden wan Dann begab sich Mesechnet zu ihm und sprach: »Ein König, der das Herrscheramt in diesem ganzen Lande ausüben wird«, und Chnum verlieh ihm einen gesunden Leib.

Wiederum stellte sich Isis vor sie, Nephthys hinter sie, und Heket beschleunigte die Geburt. Isis sprach: »Tritt nicht in ihrem Schoß in diesem deinem Namen Sahure.« Da glitt das Kind auf ihre Arme, ein Knabe von einer Elle Länge und mit festen Knochen. Das Namensschild seiner Glieder war aus Gold, sein Kopftuch aus echtem Lapislazuli. Sie wuschen ihn, nachdem seine Nabelschnur abgeschnitten und er auf ein Stoffpolster gelegt worden war. Dann begab sich Mesechnet zu ihm und sprach: »Ein König, der das Herrscheramt in diesem ganzen Lande ausüben wird«, und Chnum verlieh ihm einen gesunden Leib.

Wiederum stellte sich Isis vor sie, Nephthys hinter sie, und Heket beschleunigte die Geburt. Isis sprach: »Sei nicht unwirsch in ihrem Schoß in diesem deinem Namen Keku.« Da glitt das Kind auf ihre Arme, ein Knabe von einer Elle Länge und mit festen Knochen. Das Namensschild seiner Glieder war aus Gold, sein Kopftuch aus echtem Lapislazuli. Sie wuschen ihn, nachdem seine Nabelschnur abgeschnitten und er auf ein Stoffpolster gelegt worden war. Dann begab sich Mesechnet zu ihm und sprach: »Ein König, der das Herrscheramt in diesem ganzen Lande ausüben wird«, und Chnum verlieh ihm einen gesunden Leib.

Diese Gottheiten kamen heraus, nachdem sie Ruddedet von den drei Kindern entbunden hatten, und sagten: »Freu dich, Rawoser! Siehe, dir sind drei Kinder geboren.« Er sagte zu ihnen: »Meine Damen, was kann ich für euch tun? Bitte gebt doch diesen Sack Gerste eurem Gepäckträger, und nehmt ihn euch zur Bierbereitung als Bezahlung.«

Da belud sich Chnum mit dem Sack Gerste. Dann brachen sie auf, dorthin, woher sie gekommen waren.

Da sagte Isis zu diesen Göttern: »Was soll das, daß wir zu ihr gegangen sind, ohne ein Wunder für diese Kinder zu tun, das wir ihrem Vater (Re) melden könnten, der uns gehen hieß?« Sie schufen drei Königskronen, steckten sie in den Sack Gerste und ließen am Himmel Sturm und Regen aufziehen. Dann kehrten sie zu dem Hause (des Rawoser) zurück und sagten: »Bitte stellt doch diesen Sack Gerste hier in eine verschließbare Kammer, bis wir vom Tanzen im Norden zurückkommen.« Und sie stellten den Sack in eine verschließbare Kammer.
....

Copyright: E.Brunner-Traut, Verlag Diederichs






Soweit der Textauszug des Märchens; einige zusätzliche Erklärungen sind an dieser Stelle vielleicht hilfsreich:

(1) Naos (Mz. Naoi) Götterschrein(e), in der das Bild der Gottheit aufgestellt ist (Tabernakel)
(2) Menit und Sistrum sind Kultinstrumente, das Menit eine Halskette, das Sistrum eine Rassel. Durch ihren Gebrauch werden Götter besänftigt. Wenn sie die Gottheiten hier vor Rawoser anwenden, mag darin auch eine Huldigung vor dem Nährvater liegen.
(3) Die Beschwörungsworte der Isis stellen jedesmal ein Wortspiel mit dem Namen der Kinder dar. Diese Art der Namensgebung (Paronomasie) ist in Ägypten geläufig, aber auch z. B. im Alten Testament (vgl. Genesis 35, 18).
(4) »Namensschild« Die Kinder werden beschrieben wie Götterstatuen. Das »Namensschild« enthält einen der fünf Königsnamen, wie er den Statuen auf Oberarm, Brustschild oder Gürtel geschrieben wird.


Literatur:
E. Brunner-Traut, Alt-Ägyptische Märchen, Diederichs-Verlag [München]
E. Hornung, Altägyptische Dichtung, Reclam-Verlag [Stuttgart]


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