Tut-anch-amun
(Tut-anch-aton)

Vorderseite
der Totenmaske
Rückseite
der Totenmaske



Wer war Tut-anch-amun?

Wie starb Tut-anch-amun?

Das Grab KV 62

Genealogie der 18. Dynastie

Echn-aton: ein kranker König

KV 55: ein rätselhaftes Königsgrab

Amarna: das politische Umfeld


Wer war Tut-anch-amun?

Die Entdeckung des noch versiegelten Grabes von Tut-anch-amun im Jahr 1922 durch Carter stellte den Ägyptologen erstmals die Frage, wen sie denn hier vor sich hatten. Denn dieser König war in keiner Herrscherliste erwähnt. Wer war dieser jugendliche Herrscher, der im Alter von 19 Jahren verstorben war und mit derartiger Pracht bestattet wurde? Und wenn er ein relativ unbedeutender Herrscher war, wie mochten dann die ausgeraubten Gräber der großen Herrschern - wie z.B. Ramses II. - im Originalzustand ausgesehen haben? Aber vorrangig war sicher die Frage "Wer ist er gewesen?", damit man ihn in die Königsliste einreihen konnte. Er mußte nach Amenhotep IV. - bzw. Echn-aton, wie er sich später nannte - einzuordnen sein, aber wo? Die Grabbeigaben zeigten, daß sein Nachfolger Eje war, auch unter dem Namen Aja geführt und zu dem Zeitpunkt auch noch ein relativ unbekannter Herrscher. Und dann war innerhalb der 18. Dynastie als letzter Herrscher Har-em-hab bekannt. Hierzwischen mußte sich Tut-anch-amun einreihen lassen.
Das "Loch" in der Kette war verursacht worden durch den Häretiker Amenhotep IV., der den Ägyptern eine neue, monotheistische Götterwelt verordnete. Alle bisherigen Götter wurden verboten, der bisherige Gott Re-Harachte als Aton zum neuen Reichsgott definiert. Der König verlegte seinen Wohnsitz von Theben weiter nördlich an einen neuen Ort, den er "Achet-aton" (Horizont des Aton) nannte und änderte seinen Namen in "Echn-aton" (Strahl des Aton). Was die mächtigen - aber jetzt entmachteten - Amun-Priester aufbrachte: ihnen wurde Einfluß und die finanzielle Basis entzogen. Nach seinem Tod wurden die alten Götter wieder in ihre angestammten Rechte eingesetzt. Har-em-hab als letzter König der 18. und Sethos I. als 2. König der 19. Dynastie tat alles, um die begangene Häresie auszumerzen: alle Bauwerke wurden geschleift, die Kartuschen der betreffenden Könige gelöscht, d.h., die in der Kartusche befindlichen Hieroglyphen ausgeschlagen. Damit war der betreffende König dem Vergessen und nach Meinung der Priester der Verdammnis überantwortet. Und damit gab es am Ende der 18. Dynastie plötzlich ein Loch in der Königsliste, denn die Namen Echn-aton, Semench-ka-re und Tut-anch-amun gab es nicht mehr in den aufgefundenen Aufzeichnungen, da waren nur leere Königsringe (Kartuschen) zu sehen.


    


Wie starb Tut-anch-amun?

Um den Tod des jungen Königs - er starb mit etwa 19 Jahren im August 1324 v.Chr. - ranken sich Mythen und Geschichten. Da vom Körpergewebe des Toten nichts mehr verfügbar ist, läßt sich die wirkliche Todesursache auch nicht mit Sicherheit ermitteln. Eines aber ist klar: die abstrusen Mordtheorien ("Heimtückischer Mord im Königspalast") gehören in die Welt der Phantasien und haben mit der Realität nichts gemein. Eine denkbare Variante ist der plötzliche Tod durch Platzen eines Aneurhysmas in der Hauptschlagader, dies als Folge einer körperlichen Überanstrengung des Königs. Sofern die Annahme stimmt, daß sein Vater Amenhotep IV. - Echn-aton an einer Erbkrankheit litt (Marfan Syndrom, Morbus Marfan), wäre dies eine denkbare, aber mangels Nachprüfbarkeit nicht zu verifizierende Todesursache.

Eine andere Möglichkeit hat sich aus der radiologischen Untersuchung der Mumie im Jahre 2009 durch französischer und ägyptische Paläoradiologen mittels Computertomographie (CT) und digitaler Röntgentechnik ergeben. Man entdeckte am linken Knie des Königs eine erkennbare, unverheilte Bruchstelle, die auf einen jungen Knochenbruch hindeutete. Über die Ursache dieser Verletzung kann nur spekuliert werden, so wäre ein Sturz aus dem fahrenden Jagdwagen des Königs eine denkbare Ursache. Als Folge dieser Verletzung kann eine Blutvergiftung (Sepsis) eingetreten sein; eine Erkrankung, die zu dieser Zeit unweigerlich zum Tode führte, weil die erforderlichen Behandlungsmittel nicht zur Verfügung standen. Aber auch hier gilt: es ist eine unbewiesene These, denn ohne Körpergewebe ist diese Annahme nicht zu belegen.

Die neueste These kommt (2010) aus dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, danach ist Tut-anch-amun an den Folgen der Sichelzellen-Anämie verstorben, die häufig als Folge bei Inzestbeziehungen auftritt. Diese Beziehungen waren in den Königslinien im alten Ägypten recht häufig anzutreffen. So existiert die Annahme, daß die zweitälteste Tochter Amenophis IV., Mekat-aton, bei der Geburt eines Kindes verstarb, dessen Vater ihr Vater Amenophis IV. gewesen sein soll. Aber auch diese Theorie dürfte eine unbewiesene bleiben.


    


Das Grab KV 62

Das Grab Tut-anch-amuns liegt im Gräberfeld des "Tal der Könige" (arab. Biban el Muluk = Pforten der Könige, englisch "kings valley" genannt), in der sich die Könige des Neuen Reiches (18. bis 20. Dynastie) ihre letzten Ruhestätten anlegen ließen in einem Hochtal, das von einem pyramidenförmigen Berggipfel (Gebel el-Qurn) abgeschlossen wird. Bis jetzt wurden dort 62 Gräber entdeckt, numeriert und ausgewertet. Die Bezeichnung KV62 des Grabes zeigt also, daß es das dort derzeit zuletzt entdeckte ist.

Eine Arbeitsgruppe der Amerikanischen Universität in Cairo führt seit Jahren unter der Bezeichnung Theban Mapping Project (TMP) die kartografische Erfassung aller Gräber des Tals der Könige durch. Die Ergebnisse des Theban Mapping Projects sind im Internet dokumentiert, ein Besuch dieser homepage - aus der auch die nachfolgenden Zeichnungen stammen - ist sehr zu empfehlen. Wie aus der nebenstehenden Lagezeichnung zu erkennen, führt der Eingang zum Grab über 16 Stufen zu einem schräg verlaufenden Korridor. Dieser Korridor war am Ende der Stufen durch einen versiegelten Eingang abgeschlossen. Hierzu waren in den feuchten Putz der Lehmziegelmauer durch die Totenpriester entsprechende hieroglyphische Vermerke angebracht worden, die sich auch auf weiteren Mauern des Grabes fanden.
Nach dem Niederlegen der Mauer und Passieren des abwärts angelegten Korridors traf man auf einen weiteren zugemauerten und versiegelten Eingang, der die sogenannte Vorkammer (Antechamber) verschloß. Nach Öffnen auch dieses Durchgangs fand sich in der linken hinteren Ecke ein weiterer vermauerter und versiegelter Eingang, der in eine Seitenkammer (Annex) führte. An der nördlichen Schmalwand der Vorkammer war ein weiterer Eingang vermauert und versiegelt, er wurde von zwei lebensgroßen Statuen Tut-anch-amuns aus schwarzem Holz bewacht und verwehrte den Zutritt zur Sargkammer (Burial Chamber). An die Sargkammer schloß sich die Schatzkammer (Treasury) an.
Die isometrische Zeichnung zeigt die Anordnung der Grabanlage in dreidimensionale Darstellung.

Die Ausrichtung einer ägyptischen Grabanlage erfolgte in der Regel so, daß der Sarkophag in Ost-West-Richtung stand, der Tote wurde mit den Füßen in östlicher Richtung liegend bestattet, seine Augen blickten nach Osten und sahen damit den Aufgang der Sonne. Dieses Prinzip ist näherungsweise auch im KV62 erfüllt, die Schatzkammer mit der Anubisstatue und dem Kanopenschrein liegt in östlicher Richtung zum Sarkophag. Diese beiden Räume waren nicht durch eine Mauer voneinander getrennt.

Der Sarkophag war in der Grabkammer mit vier Sargschreinen umbaut, welche die Kammer fast vollständig ausfüllten. Dies war sicher ein recht wirkungsvoller Schutz gegen Grabräuber, denn sie hätten diese Schreine weitgehend abbauen müssen, um an den Sarkophag und die Mumie heranzukommen. Gleichzeitig stellt sich auch die Frage "Wie ist man bei der Beisetzung vorgegangen?"

In der nebenstehenden Skizze stellen die Umrisse 1 bis 4 die Sargschreine dar, im Schrein Nr. 4 stand der Quarzit-Sarkophag (a), in dem die Mumie ihrerseits in drei ineinander geschachtelten Särgen (b - d) lag, der innerste Sarg (d) war aus purem Gold und wiegt 110 kg. Der rote Pfeil auf der rechten Seite deutet auf die Türen der Sargschreine, die Tür des äußeren Schreins ließ sich nur zu einem Viertel öffnen, dann stieß sie gegen die Wand der Grabkammer.

Am Kanopenschrein fand sich noch das Siegel der Nekropole Theben, welches zum Zeichen der Unverletztheit von den Priestern der Nekropole (Grabanlage) angebracht worden war. Es stellt den Totengott Anubis in seiner Form als liegenden Schakal dar, welcher 9 Gefangene (die neun Feinde Ägyptens) bewacht.

Eine vorzügliche Beschreibung des Grabes und seiner Schätze findet sich bei Deroches Noblecourt, das Buch ist antiquarisch erhältlich.






    

Genealogie der 18. Dynastie

Das Ende der 18. Dynastie war gekennzeichnet durch den Zerfall von Staatsautorität und die verheerende Wirkung von Inzucht innerhalb der Linie der Thutmosiden, welche diese Dynastie bildeten. Die nachfolgende Tabelle zeigt die Regierungszeiten der Herrscher dieser Dynastie, zu denen auch Tut-anch-amun zählte.
In der Tabelle ist neben dem unterstrichenen Namen des Königs auch der Name der Königin (Große Königsgemahlin) sowie (eingeklammert) der Name von Nebenfrauen beigefügt; das Geschlecht der Kinder wird als Sohn (m) oder Tochter (f) gekennzeichnet. Diese Aufzählung ist sicher unvollständigt und zeigt nur die "Hauptlinie", zahlreiche weitere Nebenfrauen und ihre Kinder sind nicht erwähnt.

Königs-Regierungszeiten der 18. Dynastie
von - bis König/Königin (Nebenfrau) Kinder
1550 - 1525Ahmose
Kgin Ahmes Nefertari
Amenhotep (m)
Ahmose anch (m)
Siamun (m)
Meritamun (f)
1525 - 1504Amenhotep I.
Kgin Meritamun
Ahmose (f)
1504 - 1492Thutmoses I.
Kgin Ahmose
(Mutneferet)

Hatschepsut (f)
(Thutmoses, m)
1492 - 28.4.1479Thutmoses II.
Kgin Hatschepsut
(Isis)

Neferure (f)
(Thutmoses, m)
28.4.1479 - 1458Kgin Hatschepsut
28.4.1479 - 1425Thutmoses III.
Kgin Satjah
(Meritre-Hatschepsut II.)
Amenemhet (m)
Meritre-Hatschepsut II. (f)

(Amenhotep, m)
1428 - 1397Amenhotep II.
Kgin Ti'a
Thutmoses (m)
1397 - 1388Thutmoses IV.
Kgin Mutemuja
Amenhotep (m)
Juni 1388 - 1350 Amenhotep III.
Kgin Teje
Thutmoses (m)
Amenhotep (m)
Sat-amun (f)
Baket-aton (f)
Nov/Dez 1351 - 1333Amenhotep IV. - Echn-aton
Kgin Nofretete


(Kija)
Merit-aton [Merit-amun] (f)
Maket-aton [Maket-amun] (f)
Anchesen-pa-aton [Anchesen-amun] (f)
3 weitere Töchter
(Tut-anch-aton, [Tut-anch-amun] m)
Herbst 1337 - Sommer 1333Semench-ka-re
Kgin Merit-aton
Sommer 1333 - Aug. 1324Tut-anch-amun
Kgin Anchesen-pa-amun
2 Totgeburten (?)
Feb. 1323 - 1319 Eje
Kgin Anchesen-pa-amun(?)
1319 - 1292Har-em-hab
Kgin Mutnedjemet

Wie sehen die familiären Beziehungen in dieser Dynastie aus, was ist darüber inzwischen bekannt und in welchen Gräbern lagen sie im Tal der Könige?

Ahmose (I.) (KV10) hat zwar die 18. Dynastie als 1. König begründet, zählt jedoch, genau wie sein Sohn und Nachfolger nicht zu den Thutmosiden. Ahmose war verheiratet mit Ahmes Nefertari und hatte mit ihr 3 Söhne (Amenhotep, Ahmose anch und Siamun) sowie eine Tochter (Meritamun)

Amenhotep I. (KV39) war als 2. König mit seiner Schwester Meritamun verheiratet, sie hatten eine gemeinsame Tochter, Ahmose.

Thutmoses I. (KV38) heiratet als 3. König die Tochter von Amenhotep, Ahmose und begründet damit die Linie der Thutmosiden. Mit ihr hat er eine Tochter (Hatschepsut) und mit der Nebenfrau Mutneferet einen Sohn (Thutmose).

Thutmoses II. (KV42) heiratet als 4. König der Dynastie seine Halbschwester Hatschepsut und hat mit ihr eine Tochter namens Neferure. Mit seiner Nebenfrau Isis hat er einen Sohn, Thutmose. Thutmoses II. stirbt nach nur 3 Regierungsjahren.

Die Königin Hatschepsut (KV20) übernimmt als 5. König die Regentschaft für ihren minderjährigen Stiefsohn Thutmoses III., welcher als Koregent fungiert. Hatschepsut regierte 21 Jahre, wobei sie die Thronrechte von Thutmosis III. ignorierte. Ihr Totentempel bei Deir el Bari ist eine der Sehenswürdigkeiten in West-Theben.

Thutmoses III. (KV34) kam als 6. König nach dem Ableben der ihm verhaßt gewordenen Stiefmutter an die Macht, verheiratet war er mit Königin Satjah, die ihm den Thronfolger Amenemhet und seine Schwester Merit-re Hatschepsut gebar. Nach dem frühen Tod des Thronfolgers nahm er seine Tochter Merit-re Hatschepsut zur Nebenfrau, sie hatten einen gemeinsamen Sohn, Amenhotep. Wegen seiner kriegerischen Erfolge wird Thutmoses III. auch der Napoleon Ägyptens genannt.

Amenhotep II. (KV35) wurde nach dem Ableben seines Vater der 7. König, er war mit Königin Ti'a verheiratet und hatte einen Sohn, Thutmose.

Thutmoses IV. (KV43) war der 8. König der Dynastie und mit Mutemuja verheiratet, sie hatten einen Sohn, Amenhotep.

Amenhotep III., (KV22) 9. König der Dynastie, hatte mit der "Großen Königsdame" Teje einen Sohn, Amenhotep und zwei Töchter, Sat-amun und Baket-aton. Er nahm zu späteren Zeiten seine Tochter Sat-amun zur Nebenfrau. Amenhotep III. lebte im Malqata-Palast in Theben und war den häretischen Ideengut seines Sohnes zugetan, wie die Namensgebung seiner letzten Tochter belegt.

Sein Sohn Amenhotep IV. (10. König) wurde mit Nofretete verheiratet und hatte mit ihr sechs Töchter, u.a. Merit-aton, Maket-aton und Anchesen-pa-aton. Mit weiteren Nebenfrauen - wahrscheinlich Kija - hatte er mindestens einen Sohn, Tut-anch-aton. Die Zuordnung des Semench-ka-re ist hinsichtlich Vater und Mutter weiterhin strittig. Maket-aton verstarb im Alter von etwa 13 Jahren, wahrscheinlich im Kindbett, nachdem sie als weitere Nebenfrau von einem Kind ihres Vaters entbunden worden war. Die drittälteste Tochter Anches-en-pa-aton wurde ebenfalls mit ihrem Vater verheiratet und gebar mit 11 Jahren eine Tochter, Anchesen-pa-aton-ta-scheri. Sie wurde später mit ihrem Stiefbruder Tut-anch-aton verheiratet.
Echn-aton war ein religiöser Phantast, der in Achet-aton lebend die Staatsgeschäfte restlos vernachlässigte und seinem Gotteskult huldigte. Nach jetzigen Erkenntnissen war Amenhotep IV./Echn-aton im Alter geistig verwirrt, sein Sohn/Schwiegersohn (?) Semench-ka-re wurde drei Jahre vor seinem Tod Koregent, also König-im-Wartestand.

Semench-ka-re, (KV55). Die Abkommenschaft dieses 11. Königs der Dynastie ist weiterhin strittig, seine Königschaft leitet sich jedoch sicher aus der Heirat mit der ältesten Tochter (möglicherweise seine Stiefschwester) Merit-Aton ab. Die Ehe blieb kinderlos, das Paar lebte in Achet-aton. Semench-ka-re starb kurz nach Echn-aton und sehr kurzer Regierungsdauer - wahrscheinlich nicht einmal ein halbes Jahr - im Alter etwas über 20 Jahren.

Ihm folgte als 12. König der zu dem Zeitpunkt 9-jährige Tut-anch-aton, (KV62) der mit seiner Stiefschwester Achesen-pa-aton verheiratet wurde. Wegen seiner Jugend wurde ihm der "Gottesvater" Eje zur Führung der Regierungsgeschäfte beigeordnet. Eje war Erzieher von Amenhotep IV. und natürlich auch von Tut-anch-aton. Zwei Jahre nach seiner Krönung zog der König durch den Einfluß seiner Ratgeber von Achet-aton wieder zurück nach Theben und wechselte seinen Namen und nannte sich fortan Tut-anch-amun, seine Frau nannte sich ab dem gleichen Zeitpunkt Anchesen-amun. Nach etwas mehr als 9 Regierungsjahren verstarb Tut-anch-amun plötzlich im August 1324 (v.Chr.). Als Todesursache ist inzwischen ein natürlicher Tod wahrscheinlich, über die Todesursache wird weiter heftig spekuliert.
Die junge Witwe Anchesen-amun hatte nun keine Lust, mit dem alten Eje aus Staatsräson eine neue Ehe einzugehen und nahm Kontakt mit dem befreundeten Hetiterkönig Suppiluliuma auf und bat ihn, einen seiner Söhne als Nachfolger und damit neuen Pharao zu senden. Der Hetiterkönig schickte nach Klärung der Situation durch einen Gesandten seinen Sohn Zannanza auf die Reise nach Theben, kurz nach Betreten des ägyptischen Staatsgebietes wurde er ermordet, wahrscheinlich durch Helfershelfer des Generals Har-em-hab, der die Nachfolge anstrebte.
Inzwischen war es Frühjahr 1323 (v.Chr.) geworden; Tut-anch-amun war mumifiziert, aber immer noch nicht beigesetzt worden. Aus der 70 Tage-Frist waren inzwischen fast 160 Tage geworden. Die Witwe stimmte jetzt Eje als neuen König zu, er nahm im Februar 1323 bei der Beisetzung von Tut-anch-amun als Nachfolger die Mundöffnungs-Zeremonie vor. Im Grab Tut-anch-amuns fanden sich die Mumien von 2 Totgeburten, die wahrscheinlich der Verbindung Tut-anch-amuns und Anchesen-amuns zuzurechnen sind. Die Linie der Thutmosiden war damit erloschen.

Eje - auch Aja, im englischen Ay genannt - (KV23 im Westtal) übernahm die Königskrone als 13. König in einem bereits hohen Alter und verstarb nach 4 Regierungsjahren im Jahr 1319. (Auch hier könnte Har-em-hab "nachgeholfen" haben.) Er war verheiratet mit einer Frau namens Ti, ob eine Beziehung zur Witwe Tut-anch-amuns bestanden hat, ist unklar. Zumindest könnte man sie als "Königsmacher" für die Krönung von Eje bezeichnen. Eje wurden im KV 23 im Westtal des Tals der Könige begraben.

Har-em-hab (KV57) kam 1319 nach dem Tod Ejes durch einen Staatsstreich (14. König) zum Königtum, er entstammte nicht der Linie der Thutmosiden, sondern war ein einflußreicher, intriganter Militärbeamter, der die Schwester von Nofretete, Mutnedjemet geheiratet hatte und daraus seine königliche Linie ableitete. Er war zeitlebens die "Graue Eminenz" am Königshof Amenhotep IV. und seiner Nachfolger gewesen, sein Einfluß warüberall zu erkennen. Mit seinem Tod endete 1292 die 18. Dynastie.

    


Echn-aton: ein kranker König

Die zahlreichen zeitgemäßen Darstellungen von Echn-aton aus Amarna zeigen deutliche Anomalien gegenüber den Bildern vorangegangener Monarchen. Sein Kopf ist gekennzeichnet durch eine nach hinten fliehende Stirnpartie und einen weit ausladenden Schädel; die Finger und Zehen erscheinen überproportional lang, an Bauch und Hüften wird ein Fettansatz dargestellt. Hier bleibt nur ein Schluß: der König war krank, und zwar offensichtlich an einer vererblichen Krankheit, denn diese Bilder zeigen sich auch an seinen 6 Töchtern. Lange Zeit rätselte man über die Ursache, inzwischen sind sich die Archäopathologen sicher, daß es sich um das Marfan Syndrom handelt.

Das Marfan Syndrom: was verbirgt sich hinter dieser Krankheit, wie entsteht sie und wie stellt sie sich dem Betrachter dar? Der französische Arzt Antoine Marfan hat sie erstmalig beschrieben, sie wird - nach ihrem auffälligsten Symptom - auch Arachnodaktylie oder Spinnenfinger-Krankheit genannt. Ein einzelnes abnormes Gen verursacht diese erbliche Krankheit, etwa eine Viertel aller Fälle entstehen durch eine Spontan-Mutation. Das Krankheitsbild zeigt sich an bis zu drei Stellen des Körpers: dem kardiovasculären System, dem Knochenbau und den Augen. Im Herzkreislauf werden Fehlfunktionen der Mitralklappen sowie die Bildung von Aneurysmen in der Herzaorta beobachtet. Am Skelett sind die oben beschriebenen Schädeldeformationen sowie extrem lange Finger und Fußzehen beschrieben, die häufig einhergehen mit einer sehr schlanken Figur und Fettansätzen an Bauch und Hüfte. Die an dieser Krankheit Leidenden sind häufig kurzsichtig und zeigen Linsenfehlstellungen an den Augen. Tritt diese Krankheit vor dem 40. Lebensjahr auf, so führt sie unbehandelt zu einer Verkürzung der Lebenszeit auf unter 50 % des Durchschnittswertes. 95 % der Erkrankten sterben an einem Spontantod, ausgelöst durch ein Bersten des Aneurysmas und inneres Verbluten in Sekunden. Bei Schwangerschaften wird eine hohe Sterblichkeitsrate während der Entbindung beobachtet (platzendes Aneurysma unter körperlicher Belastung).

Und wie stellt sich das alles bei Echn-aton und seinen Kindern dar? Die Schädel- und Finger- bzw Zehenanomalien sind bei Echn-aton und seinen Töchtern bildlich dokumentiert, die Schädelanomalie wurde auch an einer männlichen Mumie von etwa 20 Jahren im Grab KV55 festgestellt, welche man inzwischen Semench-ka-re zuschreibt. Auch der Schädel Tut-anch-amuns zeigt die gleiche Deformation. Möglichwerweise trat die Erkrankung bei Echn-aton durch eine Spontanmutation auf, sie war jedenfalls zum Zeitpunkt der Zeugung der Kinder präsent und wurde an alle weitervererbt. Welche erkennbaren Folgen lassen sich daraus ableiten? Der Tod der zweitältesten Tochter Maket-aton im Alter von 13 Jahren (während der Entbindung von ihrer Tochter?): ein geplatztes Aneurysma dürfte die wahrscheinliche Ursache sein. Die drei jüngsten Töchter starben im Zeitraum des 12. bis 14. Regierungsjahrs von Echn-aton und damit im Alter um und unter 10 Jahren. Auch dies paßt zur Krankheitsbeschreibung. Sowohl der erste Sohn Semench-ka-re als auch der zweite Tut-anch-amun starben im Alter von 20 bzw 19 Jahren plötzlich und unerwartet. Auch diese Todesfälle könnten dem beschriebenen Krankheitsbild genügen. Die mögliche Ursache eines geplatzten Aneurysmas läßt sich nicht mehr verifizieren, sie ist jedoch nicht unwahrscheinlich. Und die getriebene Inzucht in der Familie tat sicher ein Übriges, um ein Verlöschen dieser Linie zu beschleunigen.

Das nebenstehende Bild zeigt die Verleihung des Ehrengoldes durch Echn-aton an Juja und Tuja; seine drei ältesten Töchter sind mit daran beteiligt. Bei den Kindern sind die Mißbildung des Kopfes deutlich zu erkennen, der König trägt die chepresh, welche seinen Kopf und damit seine Mißbildung verbirgt. Die Hände des Königs zeigen eine deutliche Vergrößerung der Fingerlänge.













    


KV 55: ein rätselhaftes Königsgrab

Das 1907 von Ayrton freigelegte Königsgrab KV 55 gab den Ausgräbern von Anfang an Rätsel auf. Wessen Grab hatten sie entdeckt, wer war darin beigesetzt worden? Der aufgefundene Sarkophag war zweifelsfrei für Echn-aton bestimmt, auch wenn er darin nie beigesetzt wurde: die hieroglypischen Texte auf dem Sarkophag entsprachen bei seinem Tod nicht mehr dem aktuellen theologischen Konzept. Aus den Namenskartuschen auf dem Sarkophag waren die Namen des "Vorbesitzers" sorgfältig herausgetrennt worden. Die 4 aufgefundenen Eingeweidekrüge waren eigentlich für die Bestattung von Kija, der Nebenfrau Echn-atons, bestimmt; die dazu gehörigen Inschriften waren gelöscht worden, konnten jedoch inzwischen sicher verifiziert werden. Schließlich waren noch die Teile eines vergoldeten hölzernen Schreins (Naos) vorhanden, der den Sarkophag aufnehmen sollte und welche, in Einzelteile zerlegt, an die Grabwände angelehnt worden waren. Sie zeigten die Namenskartuschen der Königin Teje, der Mutter Echn-atons. Dann fanden sich noch 4 magische Ziegel mit Fluchformeln, welche eindeutig in das Grab Echn-atons gehörten. Frage also: wessen Mumie hatte man in diesem Grab vor sich?

Anfänglich ging man nach einer ersten Inspektion der Mumie davon aus, daß hier die greise Königin Teje, die Frau Amenophis III. und Mutter Echn-atons, beigesetzt worden war. Die restlichen Grabbeigaben konnten als Totengaben zu dieser Person passen. Spätere anatomische Untersuchung der Mumie durch weitere Fachärzte ergaben jedoch zweifelsfrei, daß der Verstorbene ein junger Mann im Alter zwischen 20 und 22 Jahren war. Wen hatte man also vor sich? Eines war sicher: es konnte nicht Echn-aton sein, der altersmäßig nicht zu der Mumie paßte. Er war Anfang 40, als er starb.

An dieser Stelle half die moderne Wissenschaft, ein Rätsel weiter zu klären. Ein Schädelvergleich mit der Mumie Tut-anch-amuns ergab eine hohe Übereinstimmung. Eine anschließend durchgeführte Blut- und Zellgruppenanalyse beider Mumien ergab nahezu Indentität, sodaß die beiden Toten aus KV 55 und KV 62 Verwandte ersten Grades waren. Das Rätsel war gelöst: der tote König im Grab KV 55 konnte nur Semench-ka-re sein, der nach nur weniger als 1 Jahr Regentschaft mit etwa 20 Jahren plötzlich gestorben war. Und da niemand mit dem plötzlichen Ableben des Herrschers gerechnet hatte, dem jedoch nach ägyptischen Totenglauben eine entsprechende Grabausstattung mitgegeben werden mußte, wurden überall "Anleihen" gemacht, um in der zur Verfügung stehenden Zeit zwischen Tod und Beisetzung der Mumie die erforderliche Ausstattung vorweisen zu können.

Und eine weitere Frage stellt sich noch: wieso war man sicher, daß der Sarkophag für Echn-aton bestimmt war? Die Namenkartuschen waren leer, woher konnte man den "Eigentümer" trotzdem identifizieren? Hier half das detaillierte Wissen um die sog. "Amarna-Periode" den Ägyptologen weiter. Denn mit dem Wechsel der Gottheit wurde auch ein Wechsel in der Königstitulatur fällig. Wurde dem Thronnamen des Königs vorher die Bezeichnung "njswt bitj neb tauj" (König von Ober- und Unterägypten, Herr der Beiden Länder) vor die Namenskartusche gestellt, so lautete die Bezeichnung für Echn-aton "heqa nefer njswt bitj anch m Maat neb tauj" (Vollendeter Herrscher, König von Ober- und Unterägypten, der von der Wahrheit lebt, Herr der Beiden Länder). Und genau diese Titulatur findet sich auf dem Deckel und der Bodenwanne des Sarkophags. Gefunden hat man diese Titulatur in der Korrespondenz des "Außenministeriums" von Echn-aton. Das Archiv dieses Hauses wurde bei Tell-el-Amarna aus dem Wüstensand geborgen und ausgewertet.

    


Amarna: das politische Umfeld

Die Regierungszeit Tut-anch-amuns war durch ein politisch brisantes Umfeld gekennzeichnet. Amenhotep IV. (Echn-aton), der Vater Tut-anch-amuns, hatte mit seinem Handeln die Amun-Priesterschaft entmachtet und gegen sich aufgebracht und hatte seine Herrschaft von Theben nach Achet-aton (heute "Tell-el-Amarna") verlegt. Gleichwohl gärte es in Theben, die Amun-Priesterschaft konnte zwar nicht gegen den König als obersten Priester Stellung beziehen, tat aber trotzdem alles, um ihren verloren gegangenen Einfluß wieder zu gewinnen. Und Militärs wie der General Har-em-hab waren willkommene Partner, die ihren Einfluß am Hof spielen ließen. Bereits zum Ende der Herrschaft von Amenhotep IV. (Echn-aton) waren, bedingt durch seine politische Untätigkeit, Bestrebungen imgange, die alten Götter wieder in ihre Rechte einzusetzen. Da der Nachfolger Echn-atons, Semench-ka-re, weniger als ein Jahr im Amt war - es gibt auch Angaben, wonach Echn-aton und Semench-ka-re im Monatsabstand verstorben sind - traf den minderjährigen Tut-anch-amun die volle Wucht der umstürzlerischen Bestrebungen. In Achet-aton aufgewachsen, lernte er die Anpassung an die sich ändernde Lage sehr schnell. Von schwächlicher Statur, verheiratete man den zukünftigen "Stier von Ägypten" mit einer königlichen Prinzessin, deren göttliche Abkunft erst kürzlich durch ein eheliches Band mit dem Pharao, ihrem Vater, bestätigt worden war: Anchesen-pa-aton wurde die Gemahlin Tut-anch-atons. Seine Krönung zum Pharao mit dem Thronnamen "Neb-cheperu-Re" (Herr der Verwandlungen ist Re) fand im Großen Tempel von Karnak bereits nach den Amun-Riten statt. Natürlich hatte er zuvor seinen Geburtsnamen von Tut-anch-aton in Tut-anch-amun geändert, trotzdem lebte er die ersten zwei Jahre seiner Regentschaft in Achet-aton. Mit 11 Jahren zog der königliche Hof dann nach Memphis um, um von dort das Land zu regieren.

Die ihm verbleibende Herrschaftszeit war unspektakulär, er hat Tempel geweiht und wohl mehr sich präsentiert als regiert; das Regieren besorgte der eingesetzte Prinzregent Eje. Sein plötzlicher Tod nach 9 Jahren Herrschaft traf Ägypten trotzdem unerwartet. Die Mär, er sei durch einen Kammerdiener im Schlaf erschlagen worden, ist Unfug. Wie Untersuchungen der Mumie schon bald zeigten, ist der Schädel unverletzt. Nach heutigem Wissensstand kann man von einem natürlichen Tod ausgehen.



Literatur:
J.v. Beckerath, Handbuch der ägyptischen Königsnamen, Zabern (Mainz)
J.v. Beckerath, Chronologie des pharaonischen Ägypten, Zabern (Mainz)
Chr. Deroches Noblecourt, Tut-ench-amun, Büchergilde Gutenberg
P.A.Clayton, Chronicle of the Pharaohs, Thames & Hudson (London)
Th. Schneider, Lexikon der Pharaonen, dtv (München)


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