Das Amduat
(Schrift des verborgenen Raumes)


Das Amduat gehört - genau wie das "Höhlenbuch" oder das "Pfortenbuch" - zu jenen altägyptischen Schriften, in welchen zwei grundsätzliche Fragen behandelt werden, welche sich die Ägypter wohl seit Anbeginn an gestellt haben:

  1. Was passiert mit uns nach unserem Tod?
  2. Was geschieht mit der Sonne zwischen Sonnenunter- und Sonnenaufgang?

Die Antwort zur Frage 1 wird hauptsächlich in dem Totenbuch abgehandelt, wo die Vorstellungen der Priesterschaft über das Leben nach dem Tode des Menschen beschrieben wurden. Danach hatten die Verstorbenen als "Gerechtfertigte" die Erwartung, daß ihre Ba-Seele am täglichen Kreislauf der Sonne teilnehmen konnte. Im Amduat wird der nächtliche Teil des Kreislaufs der Sonne beschrieben und damit eine Antwort auf die Frage 2 entwickelt. Da im alten Ägypten die Kenntnis der Erde als Kugel und der Sonne als Zentralgestirn unbekannt waren, mußten die Priester eine Lösung anbieten, welches nach damaligen Kenntnisstand verständlich war: wie kommt die Sonne [und damit der Sonnengott Re] vom abendlichen Westen, wo sie untergegangen ist, zum morgentlichen Osten, wo sie jeden Tag aus dem Wüstensand neu aufsteht? Als Transportmittel war zur damaligen Zeit das Schiff auf dem Nil bekannt und so definierte man die nächtliche Reise der Sonne vom Westen zum Osten als "Bootsfahrt" auf einem "jenseitigen Nil". Die Nacht hatte - genau wie der Tag - zwölf Stunden und zu jeder Stunde wurde ein Tor zu einem Raum definiert, der diese Stunde symbolisierte. Jeder "Passagier" mußte dieses Tor passieren; an jedem Tor stand ein Wächter, der nur den eintreten ließ, der das richtige Losungswort kannte. Dargestellt wurden diese Wächter i.d.R. als Paviane mit furchterregend langen Messern. Im Amduat wird die Fahrt des Sonnengottes durch die zwölf Stunden der Nacht geschildert. Beschrieben werden zum einen die Handlungen und Reden des Sonnengottes Re, zum anderen auch die jenseitigen Wesen, ihre Funktionen sowie die Zaubersprüche, die für eine sichere Fahrt nötig sind.

KV62 nut

Das linke Bild zeigt die Westwand des Grabes von Tutanchamun [KV62], hier sind diese 12 Wächter mit ihrem Namen dargestellt. Oberhalb der 12 Wächter ist hier links die Nachtbarke des Re zu erkennen, Re wurde schon wieder zum Chepri verjüngt; rechts daneben sind 5 Götter abgebildet, welche die Barke begleiten und schützen, allen voran die Göttin Maat mit der Feder im Haar.

Nach den Vorstellungen der Priester erfolgte die Fahrt durch die Unterwelt im Leib der Göttin Nut, der Göttin des Himmels. Sie gebiert am Morgen die junge Sonne als Chepri, welcher über Tag an ihrem Körper entlang reist, dabei zum Sonnengott Re wird und am Abend bei Sonnenuntergang durch den Mund der Nut wieder in den nächtlichen Kreislauf eintritt. Das rechte Bild zeigt den Vorgang wie er auf einem Papyrus dargestellt wird. Nut empfängt die rote Sonne mit dem Mund, sie wandert durch ihren Körper, der mit Sternen versehen ist.

Dieser Kreislauf wird im Grab Thutmose III. im Tal der Könige (KV 34) in einem in der Grabkammer an den Wänden umlaufenden Bilderzyklus dargestellt. Die Zahlen an der Wand zeigen die Position der jeweiligen Stunde der Nacht. Auffallend ist hier, daß der Ablauf der Stunden nicht der Darstellung an der Wand entspricht. Nach der 4. Stunde springt die Darstellung auf die 7. Stunde; die fehlenden Stunden 5 und 6 folgen nach der 12. Stunde.

Skizze des Grabes von Thutmose III.
Der Pfeil kennzeichnet den Ein-/Ausgang
zur Grabkammer
KV34

Die Bilderfolgen bestehen vertikal aus mehreren Reihen, man bezeichnet diese Einteilung als "Register", welche jeweils aus Bildern und Texten bestehen. Die Texte sind oberhalb der Bilder angebracht, um die Worte den dargestellten Personen zuordnen zu können.

Die obenstehenden Bilder zeigen links einen Auszug der 3. Stunde mit einem markierten Bereich, der rechts im Original abgebildet ist. Hier ist zu erkennen, wie die Texte und Bilder übereinander stehen. In den nachfolgenden Bilder der einzelnen Stunden sind die Texte der Übersichtlichkeit wegen entfernt. Für eine detaillierte Betrachtung dieses Themas sei auf das unter Literatur genannte Werk verwiesen.

Das Hintergrundbild dieser Seite zeigt die Hieroglyphen Stern, Mond, Horizont, Sonne und regnender Himmel.


Die erste Stunde

Die zweite Stunde

Die dritte Stunde

Die vierte Stunde

Die fünfte Stunde

Die sechste Stunde

Die siebte Stunde

Die achte Stunde

Die neunte Stunde

Die zehnte Stunde

Die elfte Stunde

Die zwölfte Stunde


Die erste Stunde der Nacht

Die erste Stunde trägt den Namen "Dieser Gott tritt ein in den westlichen Torweg des Horizontes". Weiter heißt es dort "Seth steht am Ufer. Es sind 120 Meilen Fahrt durch diesen Torweg, ehe die Barke die Unterweltlichen erreicht. Er zieht danach zum Wernes".

Die Nachtfahrt des Sonnengottes Re beginnt mit dem Sonnenuntergang, wenn die Sonne hinter dem westlichen Horizont versinkt und das Tor Allesverschlinger passiert. Im oberen (1.) und unteren (4.) Register der ersten Stunde empfangen die Wesen der Unterwelt, die Sonnenpaviane und Uräusschlangen, den Sonnengott Re, welcher im 2. Register mit der Sonnenbarke - welche "Barke der Millionen" genannt wird. Die Sonnenpaviane, welche die grossen Ba-Seelen öffnen und Musik für Re machen, grüssen ihn und jubeln. Alle Toten fahren mit in dieser Barke zusammen mit dem Gefolge des Re. Der Sonnengott Re wird in der Barke mit einem Widderkopf als Amun dargestellt. Die Ba-Seele des Gottes steigt in die Unterwelt hinab, um sich dort zu verjüngen. Dem Gott Re ist im Textteil die Hieroglyphe "Fleisch" beigestellt, um seine Körperlichkeit und seine Sterblichkeit zu unterstreichen. Im 3. Register ist Re in einer zweiten Barke bereits in seiner morgendlichen Gestalt als Skarabäus Chepri dargestellt, womit angedeutet wird, daß die Reise Neugeburt und zugleich ewiges Leben für den einzelnen Menschen wie auch für den Pharao bedeutet. Im 2. und 3. Register begleiten die Gottheiten Hathor, Maat und Osiris Re in und vor der Barke und werden auch in den folgenden Nachtstunden anwesend sein. In dieser ersten Nachtstunde ist Re Herr des Kosmos, der seinen Gefolgsleuten Versorgung und Nahrung bietet: Gerste für Brot und Bier sowie Flachs für Kleidung.


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Die zweite Stunde der Nacht

Die zweite Stunde trägt den Namen "Kluge, die ihren Herrn schützt", das zu durchschreitende Tor heißt "Allesverschlinger" und die dahinter liegende Stätte wird "Wernes" genannt.

Nach Passieren des Tores "Allesverschlinger" erreicht die Barke die fruchtbaren Gefilde "Wernes", das von dem Urgewässer "Nun" umschlossen ist. Aus diesem Urgewässer geht alles Leben hervor. "Nun" symbolisiert die Welt vor der Schöpfung und erscheint in menschlicher Gestalt am Ende der sechsten Stunde. Im mittleren Register steuert Re, geführt von der Göttin Hathor und begleitet von den schlangenförmigen Göttinnen Isis und Nephthys, die Barke über die Gewässer des Jenseits. Im mittleren Register begleiten vier Boote die Sonnenbarke. Jedes ist mit Symbolen, Gottheiten und Gütern beladen. Am wichtigsten ist die Anwesenheit von Maat, sie erscheint im obersten Register ganz links mit der Feder und in der rechten Barke des mittleren Registers mit ihrer Feder. Sie ist die Verkörperung der göttlichen Ordnung von Wahrheit und Gerechtigkeit im Totengericht. Thot begleitet Maat. Er ist der mit dem Mond verbundene Gott der Weisheit und wird mit Vollmond und Sichelmond in der rechten Barke dargestellt. Der Mond wird mit dem linken Auge des Sonnengottes Re gleichgesetzt während Hathor, deren Symbol in einem anderen Boot dargestellt wird, sein rechtes Auge bildet. I Im unteren Register sind u.a. vier Götter mit Jahresrispen in den Händen zu sehen. Im Text wird erwähnt, dass sie Re diese Rispen als Geschenk reichen. Im Schlusstext begrüssen die Götter das "Fleisch",Im unteren Register sind u.a. vier Götter mit Jahresrispen in den Händen zu sehen. Im Text wird erwähnt, dass sie Re diese Rispen als Geschenk reichen. Im Schlusstext begrüssen die Götter das "Fleisch" das zum Himmel gehört. Der Ausdruck ist hier als Körper zu verstehen. Den Verstorbenen wird hier Wasser, Nahrung, Luft und Lockerung der Mumienbinden zugesagt. das zum Himmel gehört. Der Ausdruck ist hier als Körper zu verstehen. Den Verstorbenen wird hier Wasser, Nahrung, Luft und Lockerung der Mumienbinden zugesagt.

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Die dritte Stunde der Nacht

Die dritte Stunde trägt den Namen "Die Ba.w zerschneidet", das zu durchschreitende Tor heißt "Räuber" und die dahinter liegende Stätte wird "Gefilde der Uferbewohner" genannt.

Die wasserreiche Landschaft setzt sich fort, wird aber nun als "Gewässer des Osiris" bezeichnet. Re verweilt im Gefilde der Uferbewohner. Er erteilt Weisungen an die Achu im Gefolge des Osiris und teilt ihnen Ackeranteile zu. Wer die Namen der Geheimen Bau (Seelen) kennt wird Wasser erhalten aus dem "Gewässer des Alleinherrn, welches Opferspeisen hervorbringt". Die Götter im oberen Register haben die Aufgabe, den Widersacher zu zermalmen. In diesem Register wird Osiris, der von seinem Bruder Seth ermordet wurde, als Mumie mit ungegliedertem Leib dargestellt (vor dem widderköpfigen Amun). Seth zerstückelte den Leib seines Bruders und warf ihn ins Wasser, doch wurde er von seiner Schwester und Gemahlin Isis wieder zusammengefügt. Der vor Osiris auf dem Podest sitzende Anubis wickelte die Körperteile ein, um sie zu bewahren und damit die Unsterblichkeit des Osiris zu sichern. Die von Seth ausgehende Bedrohung ist stets präsent und viele Figuren tragen Messer. Die gefährlichen Mächte müssen identifiziert und von dem Gefolge des Re besiegt werden, damit die Fahrt in Sicherheit fortgesetzt werden kann. Im mittleren Register zieht Re dahin im Gefolge von drei weiteren Barken. Die Barken kehren nach der Durchfahrt Re's zum Ufer der "Räuber" zurück. Die Götter im unteren Register haben die Aufgabe die Ba.w (die Seelen der Verurteilten?) zu schlachten und zu braten, die Schatten einzusperren und die Nichtseienden zu vernichten. Den Achu im Gefolge Osiris (Seelen der Gerechtfertigten?) wird Luft für die Nasen, Lösung der Mumienbinden, Opferbrote, Wasser und Aecker zugesichert.

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Die vierte Stunde der Nacht

Die vierte Stunde trägt den Namen "Die groß ist in ihrer Macht", das zu durchschreitende Tor heißt "Welche das Ziehen verbirgt" und die dahinter liegende Stätte wird "Mit lebenden Erscheinungsformen" genannt.

Mit der vierten Stunde bricht die fruchtbare Landschaft jäh ab. Re und sein Gefolge befinden sich in der Wüste von Rasetjau [Roseta.w], dem Land des Gottes Sokar, dem Totengott der memphitischen Nekropole. Re durchquert die geheime Höhle des Westens. Ein geknickter Sandweg durchquert das Bild von oben links bis ganz unten in der Mitte. Die Barke des Re in Gestalt einer Schlange wird von vier Göttern auf den Sandwegen von Rosetau gezogen. Feuerspeiende Schlangen erhellen ihm den Weg. Im mittleren Register wird das versehrte Sonnenauge durch Thot und Sokar beschützt. Das Auge wurde verletzt und muss geheilt werden, damit die Weiterreise erfolgreich verlaufen kann. Am Ende der Stunde erscheinen im untersten Register unter der Leitung der Maat die Sterne am Himmel. Der Text deutet an, dass der Pharao diesen einsamen sandigen Ort verlassen wird, um Zuflucht an der Seite des Re zu suchen.

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Die fünfte Stunde der Nacht

Die fünfte Stunde trägt den Namen "Geleitende, die inmitten ihrer Barke ist", das zu durchschreitende Tor heißt "Haltepunkt der Götter" und die dahinter liegende Stätte wird "Westen" genannt.

Im oberen Register steht links die Göttin Maat und deutet auf die göttliche Neunheit. Der Hügel im Zentrum dieses Registers mit den beiden Klagevögeln Isis und Nephthys ist der Grabhügel des Osiris, aus dem Chepri, die verjüngte Sonne, als Skarabäus hervorgeht. Am Ende des Registers stehen Götter, die als Schlächter (der Verurteilten) bezeichnet sind. Re fordert sie auf, die Verurteilten und ihre Schatten zu vernichten. Alle Wesen im mittleren Register, sogar der Sonnenkäfer, der die Trennlinie zwischen oberen und mitteleren Register überquert, ziehen die Sonnenbarke, die noch in der Form einer Schlange zu sehen ist, über den Sand und durch den Engpass zwischen dem oberen Teil der Pyramide, die aus Kopf und Armen der Isis und dem unteren Teil des Grabhügels des Osiris gestaltet ist. Im untersten Register unter der Pyramide befindet sich die ovale Höhle des Sokar. Diese geschlossene Anlage, die in der Grabkammer von Thutmosis III. nachgebildet ist, liegt zwischen zwei nach aussen schauenden, bärtigen Köpfen eingebettet, dem Doppelsphinx Aker, einem Urgott der Erde. In der verborgenen Höhle packt der falkenköpfige Sokar die Flügel der vielköpfigen Schlange, einer Form des Sonnengottes. Es ist ein wichtiger Moment, der die Vereinigung von Sokar-Osiris mit Re darstellt. Der Text sagt, dass die ganze Höhle mit den Flammen aus dem Mund der Isis gefüllt ist. Darunter liegt der Feuersee. Den seligen Toten bietet er erfrischende Kühlung, ist aber ein Ort der Strafe und des brennenden Feuers für Verurteilte und Feinde.

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Die sechste Stunde der Nacht

Die sechste Stunde trägt den Namen "Ankunft, die den rechten (Weg) gibt", das zu durchschreitende Tor heißt "Mit scharfen Messern" und die dahinter liegende Stätte wird "Wasserloch der Unterweltlichen" genannt.

Im oberen Register deuten die ersten neun Gottheiten durch ihre scheinbar sitzende Stellung an, dass sie sich bereits von dem Mumienbinden befreit haben. Re sagt ihnen Opfer, grosse Erscheinungsformen und Macht zu. Zu den vielen anwesenden Jenseitsbewohnern in dieser Stunde zählen die Reihen mumienförmiger Gestalten, die frühere Pharaonen darstellen. Sie werden mit ihren Machtinsignien gezeigt: Krone, Szepter und Uräusschlangen. Sie sind von den Ach-Geistern der seligen Toten begleitet, was die Rolle des Pharaos als Vertreter aller Menschen unterstreicht. Am Ende des mittleren Registers schützt die fünfköpfige Schlange "Vielgesicht" den Leichnam des Chepri. Im unteren Register befinden sich zwölf Götter mit teilweise unklaren Namen, die dafür zu sorgen haben, dass die Achu ihr Wasser erhalten. Eine nachfolgende Schlange hat die Schatten zu verschlingen und die Feinde zu vernichten. Den Götterstäben am Ende des dritten Registers kommt die Aufgabe zu, die Feinde Chepri's ihre Schatten (des Sonnengottes) zu vernichten.

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Die siebte Stunde der Nacht

Die siebte Stunde trägt den Namen "Die den Hiu abwehrt und den mit schrecklichem Gesicht köpft", das zu durchschreitende Tor heißt "Tor des Osiris" und die dahinter liegende Stätte wird "Geheimnisvolle Höhle" (des Osiris) genannt.

Nach der Erneuerung in der vorigen Stunde droht dem Sonnengott wieder grosse Gefahr, diesmal in der Gestalt seines Erzfeindes Apophis. Die Schlange hat das Fahrwasser des Re eingeschlürft. Im oberen Register werden die Feinde des Osiris bestraft. Der Sonnengott Re sitzt in der Osirishöhle und wird von der Mehenschlange beschützt. Im mittleren Register steht die Barke des Re vor Apophis, Isis steht am Bug und ruft ihre Zaubersprüche, während die Skorpiongöttin Selket ihre Fesseln um den Körper des Apophis mit schrecklichem Gesicht wirft, der von weiteren Helfern zerstückelt wird. Im unteren Register thront der Unterweltliche Horus vor zwölf Göttern, die einen Stern auf dem Kopf tragen. Dem Text nach handelt es sich hier um "Gerechtfertigte"; also um Wesen, die alle Prüfungen bestanden haben und von Horus beschützt in der Duat leben. Das letzte Bild zeigt ein Krokodil, dass auf einer Sandbank liegt und das Auge und den Kopf des Osiris bewacht.

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Die achte Stunde der Nacht

Die achte Stunde trägt den Namen "Herrin der tiefen Nacht", das zu durchschreitende Tor heißt "Dass steht, ohne müde zu werden" und die dahinter liegende Stätte wird "Sarkophag der Götter" genannt.

Das obere und das untere Register sind in jeweils fünf Grüfte aufgeteilt, die von Holztüren, genannt Messer, getrennt sind. Der Sonnengott kann die Türen zu den Höhlen durch seinen magischen Zuruf öffnen; sie werden als Höhlen der Geheimnisvollen Götter bezeichnet. Die Götter sitzen auf Stoffzeichen, das deutet auf ihre Versorgung mit Kleidung hin. Wenn Re sie anruft, antworten sie mit verschiedenen Lauten, von denen nur einer menschlich ist. Der Text beschreibt, wie die Seelen der Götter und der Toten dem Sonnengott jubelnd antworten. Im mittleren Register steht Re in der Mitte der von der hilfreichen Mehenschlange beschützten Sonnenbarke. Die Götter in der dritten Szene des mittleren Registers sind für das Zerschneiden der Feinde Re's verantwortlich. Nachdem Re vorbeigezogen ist, werden die Erscheinungsformen der Götter wieder zu ihren Körpern im Sand zurückkehren. Die vier Widder mit unterschiedlichem Kopfschmuck sind Verkörperungen von Tatenen, dem Gott der Erdtiefe. In der unteren linken Ecke erscheint erstmals die Schlange Weltumringler. Sie speit Feuer und hat ein Anch-Zeichen neben ihrem Maul. Ihren gewundenen Körper hält eine Gestalt, die das Mädchen genannt wird. Die Beischrift sagt, dass ein Geräusch wie Katergeschrei aus dieser Höhle hervorgeht.

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Die neunte Stunde der Nacht

Die neunte Stunde trägt den Namen "Anbetende, die ihren Herrn schützt", das zu durchschreitende Tor heißt "Das die Flut hütet" und die dahinter liegende Stätte wird "Mit hervorquellenden Gestalten und lebendigen Erscheinungsformen" genannt.

Die bildliche Darstellung dieser Stunde fällt auf durch die Zwölfer-Darstellung der Götter im oberen und unteren Register. Die ersten zwölf Gestalten gehören laut Beischrift zu einem Göttergerichtshof. Horus hat sie mit Kleidung versorgt und "ihre Köpfe entblösst und die Gesichter geöffnet" (Entfernen der Totenmasken?). Sie haben die Aufgaben zu verhören und die Feinde des Osiris zu fällen. Die zwölf folgenden Göttinnen sorgen für die Vereinigung von Ba und Körper (im Text beschränkt auf Osiris). Im mittleren Register ist zuerst Re in der Barke dargestellt, anschliessend zwölf Ruderer "die den Achu mit ihren Rudern Wasser spenden". Jeder ist ausdrücklich benannt, etwa "Der, der kein Hindernis kennt" oder "Der, der keine Rückkehr kennt". Am Schluss sind drei auf Körben ruhende Götterbilder zu sehen, die erste mit menschlichem Kopf und Federkrone, die zweite als Widder, die dritte als Kuh. Die letzte Gestalt ist eine stehende Mumie mit Namen "Der Opfernde der Götter". Die vier Gestalten spenden den Göttern in der Dat Opferspeisen. Die zwölf Uräen im unteren Register erhellen die Finsternis im Raum des Osiris und versengen die Feinde. "Sie leben vom Blut derer, die sie täglich köpfen". Nur wer sie kennt ist vor ihren Flammen geschützt. Zwölf Feldgötter beschliessen diese Stunde. Sie lassen alle Bäume und Pflanzen entstehen.

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Die zehnte Stunde der Nacht

Die zehnte Stunde trägt den Namen "Wütende, welche den Hinterhältigen schlachtet", das zu durchschreitende Tor heißt "Mit grossen Erscheinungsformen, Gestalten gebärend" und die dahinter liegende Stätte wird "Mit tiefem Wasser und hohen Ufern" genannt.

Das obere Register dreht sich um Chepri und die beiden göttlichen Augen. Die acht Göttinnen in der dritten Szene haben die Aufgabe, das Auge des Horus zu prüfen und zu befestigen. Die acht folgenden Götter werden im Text beschrieben als: "Sie sind es, welche die Leichname entblössen und die Mumienbinden der Feinde abreissen, deren Bestrafung befohlen ist in der Dat". Vor dem Boot im mittleren Register befindet sich die Ba-Seele des Gottes Sokar als Falke, der auf einer doppelköpfigen Schlange mit Beinen sitzt. Auch Osiris ist als falkenköpfige Schlange in einem Boot zu sehen. Vor ihnen befinden sich zwölf Wächter, vier sonnenköpfige mit Pfeilen, vier mit Speeren und vier mit Bogen. Sie sollen den Sonnengott gegen den noch gefährlichen Apophis schützen. Das untere Register zeigt den falkenköpfigen Horus vor einem Gewässer, das als Nun bezeichnet wird. Die im Wasserrechteck des unteren Registers dahintreibenden Ertrunkenen werden von Horus vor Verwesung bewahrt und zu einem seligen Dasein geführt, obwohl ihnen keine Bestattung zuteil werden konnte. Somit können auch sie ihren Platz im Jenseits zusammen mit den anderen seligen Toten einnehmen. Vier Göttinnen mit Schlangen auf dem Kopf erleuchten die Szene.

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Die elfte Stunde der Nacht

Die elfte Stunde trägt den Namen "Sternige, Herrin der Barke, die den Widersacher abwehrt bei seinem hervorkommen", das zu durchschreitende Tor heißt "Ruheplatz der Unterweltlichen" und die dahinter liegende Stätte wird "Rand der Höhle, welche die Leichname prüft" genannt.

Das obere Register deutet auf die Vorbereitungen hin, die getroffen werden, damit Re am Osthorizont wieder auftauchen kann. Atum hält eine gefährliche Schlange fest. Eine Göttin als Personifikation der Zeit ist dargestellt auf einer Schlange namens "Die die Stunden fortnimmt". Dargestellt sind die zehn, manchmal auch elf verstrichenen Nachtstunden in Form von Sternen. Den Schluss des oberen Registers bilden vier Göttinnen, deren Namen auf Schutzfunktionen schliessen lassen. Im mittleren Register steht Re in seiner Barke, vor ihm tragen zwölf Götter die Schlange "Weltumringler" zum Osthorizont. Die Schlange legt sich in früheren Stunden schützend um Re. Am Ende des mittleren Registers sind vier Erscheinungsformen der Neith zu sehen. Im Begleittext werden sie dem "Tor von Sais" zugewiesen. Damit wird auf die rituelle Bootsfahrt des Toten nach Sais angespielt (Altes Reich). Im unteren Register werden die verurteilten Toten unter der Aufsicht von Horus vernichtet. Die Toten sind in hügelartigen Feuergruben zu sehen.

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Die zwölfte Stunde der Nacht

Die zwölfte Stunde trägt den Namen "Die die Vollkommenheit Res schaut", das zu durchschreitende Tor heißt "Das die Götter erhöht" und die dahinter liegende Stätte wird "Mit entstehender Finsternis und erscheinenden Geburten" genannt.

Diese letzte Stunde vollendet den Zyklus der Neugeburt und der allgemeinen Verjüngung. Der Himmel ist Gold, das Wasser Lapislazuli, die Erde ist mit Türkis bestreut. Die Ba-Seele hat ihre vollständige Kraft wiedererlangt. Die Sonnenscheibe auf ihrem Kopf ist erneut mit der Uräusschlange vereint und der Sonnenkäfer Chepri erscheint am Bug der Barke. Zwölf Göttinnen wehren noch einmal Apophis ab. Die nächsten zwölf Göttinnen begrüssen die Auferstehung des Sonnengottes mit erhobenen Armen. Im mittleren Register ziehen zwölf gealterte Götter die Sonnenbarke durch den Leib einer riesigen Schlange. Im Leib dieser Schlange wird die Verjüngung Res und der Götter stattfinden. Dreizehn Göttinnen ziehen das Seil der Barke aus dem Maul der Schlange. Am Ende des mittleren Registers schwebt ein grosser Skarabäus über dem Kopf des Schu während die Sonnenscheibe bereits die Grenze der Unterwelt durchstösst. Im unteren Register ist die hermopolitanische Achtheit (Ogdoad) vertreten durch Nu, Naunet, Huh und Hauhet bei der Geburt der Sonne anwesend. Zwei Vierer-Gruppen von Göttern, getrennt duch eine Schlange, haben die Aufgabe, Apophis und andere Feinde von Re fernzuhalten

Nach dem ovalen Abschluss der Unterwelt folgt bei Thutmosis III. die Westgöttin aus der fünften Stunde, mit der sich der Zyklus erneuert. Beischriften betonen den Nutzen für Thutmosis III. und die übrigen Verstorbenen: Wer diese geheimnisvollen Bilder kennt, ist ein wohlversorgter Ach-Geist. Immer geht er aus und ein im Jenseits, immer spricht er zu den Lebenden. Als wahr erprobt, Millionen Mal!

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Literatur:
Erik Hornung, Die Unterweltsbücher der Ägypter (Artemis & Winkler)


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